Rollstuhltanzen

Begonnen hat alles mit einer Idee von Maria und Heinz Mundstein: Sie wollten auch Behinderten das Tanzen zugängig machen. Welche Beweggründe schlussendlich auch immer hinter dieser Initiative gesteckt haben – Herausgekommen ist dabei etwas Gutes.

Die Tanzschule Mundstein selbst war eigentlich schon aus baulichen Gründen nicht dafür geeignet eine ideale Trainingsstätte für die Behinderten-Tanzkurse zu sein: In einem Hinterhof und im Keller in der Mariahilfer Straße (Vis-a-Vis des Kaufhauses Gerngroß) erreichte man die Tanzschule nur über eine enge und steile Wendeltreppe. Vor allem mit den Rollstuhlfahrern war das eine echte Herausforderung. Unsere Rollies mussten immer von mehreren Personen hinuntergetragen werden.

Aus den ersten bescheidenen Anfängen entwickelte sich sehr bald eine eigene Rollstuhltanzgruppe – die Mundstein Rollies. Quasi von Null weg haben wir versucht das „normale“ Tanzschultanzen rollstuhlgerecht aufzubereiten. Meist nach der Methode „Versuch und Irrtum“ bauten wir nach und nach unser Figurenrepertoire aus.

1986 dann das erste Highlight: Einige unserer Paare nahmen an den Oslo-Open teil. Dieses Tanzturnier war zu dieser Zeit das Blackpool der Rollstuhltänzer und damit die inoffizielle Weltmeisterschaft. Unsere Paare haben dort dann auch tatsächlich einige Spitzenplatzierungen erreicht. Es hat sich aber bereits dort gezeigt, dass man auch in dieser Sparte des Tanzes mit reinen Tanzschulkenntnissen nicht mehr lange auskommen wird. Da Heinz Mundstein leider immer ein etwas gespanntes Verhältnis zum Thema Turniertanz gehabt hat blieb dieser Ausflug nach Oslo auch der Einzige seiner Art.

National betrachtet waren wir mit den Mundstein Rollies aber immer sehr aktiv. Über viele Jahre hinweg waren wir ein fester Bestandteil der ORF-Weihnachtssendung „Licht ins Dunkel“. Von 1987 bis 1993 haben wir dort jedes Jahr Live getanzt. Wir haben Bälle eröffnet, Festwochen bereichert und auf diversen weiteren Veranstaltungen getanzt.

Leider musste 1987 die Tanzschule ihren Betrieb einstellen. Der Pachtvertrag für das Lokal wurde nicht erneuert (Heute thront über der ehemaligen Tanzschule eine Filiale von H&M). Der Tanzbetrieb mit den Mundstein Rollies wurde in dieser schwierigen Zeit in verschiedenen Pfarrsälen aufrecht erhalten. Erst 1988 konnten wir dann im Jugendzentrum Ottakring einen neuen Saal für unsere Aktivitäten auf Dauer beziehen.

Durch die Abkopplung von einem echten Tanzschulbetrieb oder einem Tanzsportklub war es leider nicht möglich uns so weiter zu entwickeln, wie wir das gerne gehabt hätten. Neuerungen waren nur schwer durchzusetzen oder wurden von Heinz Mundstein, aus welchen Gründen auch immer, abgelehnt. Daher hat sich ein Teil der Mundstein Rollies abgespalten und eine eigene Truppe gegründet.: Die Rocking Rollies.

Die Rocking Rollies fanden ihr erstes Quartier in einem Turnsaal in der Goldschlagstraße. Dort wurde mit viel Elan an völlig neuen Dingen experimentiert. Endlich konnten wir uns wieder besser entfalten. Es wurden neue Tanzprogramm ausgearbeitet, neue Kostüme und neue Designs wurden entwickelt.

Auch im nächsten Quartier, wieder ein Pfarrsaal, wurde am neuen Image gearbeitet. Wir studierten eine tolle neue Lateinformation ein. Der Versuch mit dieser Formation wieder beim ORF in der Sendung „Licht ins Dunkel“ aufzutreten wurde aber vom ORF abgelehnt. Aber auch ohne diesen Auftritt haben wir andere Veranstaltungen gefunden, die uns eingeladen haben.

Die bei den Auftritten erhaltenen Spenden haben zum Teil unsere Ausgaben gedeckt. Das meiste haben wir aber immer aus eigener Tasche beigesteuert. Und leider ist uns das dann irgendwann einmal über den Kopf gewachsen. Ohne starke Lobby hinter uns und ohne Sponsoren lies sich die Truppe nicht mehr finanzieren. Daher endete im Jahr 1995 unser Abenteuer Rollstuhltanz.

Wir denken oft noch an die Zeit der Mundstein- und der Rocking Rollies zurück. Falls jemand, der einmal dabei war, über diese Zeilen stolpern sollte: Meldet Euch.